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Orphanage Tourism - Moderne Sklaverei?

4 Wochen in einem nepalesischen Waisenhaus arbeiten? Das klingt doch nach einer sinnvollen Reise in den Semesterferien! Oder lieber 2 Wochen in einem Kinderzentrum in Kenia verbringen und anschließend eine Safari? Über die gesellschaftlichen und politischen Nachteile des Waisenhaus-Tourismus…


Ich reise gerne und viel, und ich versuche, meine Reisen häufig mit einem sozialen oder ökologischen Zweck zu verbinden. Und so stieß ich bei meinen Recherchen bereits auf sehr viele Angebote und Projekte, die teilweise sehr fragwürdig sind: Für viel Geld kann man in einem Gesamtpaket Flüge, Unterkunft und Freiwilligenarbeit erkaufen. Oftmals findet diese Arbeit dann in Waisenhäusern statt, denn gerade die Arbeit mit Kindern ist beliebt. Aber kann man wirklich mit einem so kurzen Aufenthalt den Kindern etwas Gutes tun? Oder ist das mehr ein Ego-Trip ins Elend?

Vor kurzem verkündete Australien als erste Land der Welt, dass Waisenhaus-Tourismus eine Art moderner Sklaverei sei - und löste damit eine große Debatte aus: Sind diese Projekte überhaupt ethisch vertretbar? Wie kann man sie regulieren? Und wie kann man das Wohl der Kinder sicherstellen?


Waisenhaus-Tourismus ist eines der Unterthemen des im November 2018 verabschiedeten „Modern Slavery Bill“, dass beispielsweise auch große Unternehmen dazu verpflichtet, regelmäßige Berichterstattung zu leisten, was es gegen Sklaverei in seiner Supply Chain unternimmt. Damit nimmt das Land eine Vorreiterrolle im Kampf gegen moderne Sklaverei und menschenunwürdigen Produktionsbedingungen ein (wobei Australien beispielsweise in seiner Flüchtlings- und Asylpolitik weniger human ist..). Gerade im Bezug auf Voluntourism: Tatsächlich ist es sehr populär, Waisenhäuser in benachteiligten Regionen zu unterstützen. Der NGO ReThink Orphanages zufolge bewerben 57% aller australischen Universitäten Projekte in Waisenhäusern und 14% aller Schulen besucht oder sammelt Spenden für ebendiese.


Sich für Kinder zu engagieren, die ihre Eltern verloren haben, ist eine ehrenwerte Sache, allerdings muss man vor allem das Wohl der Kinder im Fokus behalten, und nicht den eigenen Lebenslauf oder das gute Gewissen. Kinder bauen in der Regel sehr schnell Bindungen auf und vertrauen den Freiwilligen, wenn diese aber ständig wechseln, bleiben die Kinder traumarisiert zurück. Viele Freiwillige verursachen eine Art „Sugar Rush“, sie bringen den Kindern Spielzeug mit, kaufen ihnen Süßigkeiten oder spielen den ganzen Tag mit ihnen. Was gut gemeint ist, reißt sie völlig aus der Routine raus und vermittelt ihnen das Bild, dass weiße Menschen ihnen Geschenke bringen und sie in gewisser Weise von ihnen abhängig sind. Diese psychologischen Faktoren können langfristige Folgen haben.


Abgesehen von den psychologischen Effekten, die Kurzzeit-Freiwilligendienste bei Kindern hinterlassen können, gibt es auch unmittelbare gesellschaftliche Folgen: Nach einer BBC-Recherche haben rund 80% aller Kinder, die weltweit in Waisenhäusern leben, noch mindestens ein Elternteil, viele auch noch zwei. Insbesondere in Südostasien, wo die Nachfrage nach Waisenhaus-Projekten sehr hoch ist, werden Waisenhäuser regelrecht errichtet, wo es die Touristen gerne hätten. Viele halten sich dabei auch nicht an die Mindestanforderungen, welche ein Waisenhaus nach dem Central Children Welfare Board haben sollte, und so werden viele Waisenhäuser auch zum Schutz der Kinder wieder geschlossen.

Die Kinder landen dort meistens durch Betrügerei der Projektleitenden: Sie versprechen den Eltern, dem Kind eine Ausbildung zukommen zu lassen oder dass es dort arbeiten könnte, in manchen Fällen entführen sie die Kinder auch schlichtweg.


Allgemein ist daher von kurzzeitigen Aufenthalten in Waisenhäusern, auch generell in Einrichtungen mit besonders gefährdeten Kindern, abzuraten. Tatsächlich gibt es viele Projekte, in denen man Gutes bewirken kann, vor Allem vor Ort: Es gibt unzählige Patenschaftsprojekte, in denen man Kinder und Jugendliche über längeren Zeitraum begleiten kann und ihnen wirklich weiterhelfen kann. Möchte man gerne im Ausland etwas machen, sollte man sich gut über das Projekt informieren und seinen Impact reflektieren: Wem nutzt mein Aufenthalt? Hat er vielleicht auch negative Folgen? Grundsätzlich gilt: Engagement ist gut, aber man muss es auch den Bedürfnissen anpassen!






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